Hundebegegnung: Mastiff — Und Gedanken über Listenhunde
Als ich am Freitag nachmittag schon meinen Kram von der Wiese packen und zum Aufbruch blasen wollte, kam eine Frau mit zwei Hunden aus dem Wald. Von Weitem sah ich etwas kleineres, haariges Collieähnliches, und etwas sehr viel Größeres.
Ich klärte ab, ob die Hunde verträglich seien und ich Rondra laufen lassen könnte (die letzte Hundebegegnung war schon eine Weile her, und ich freu mich immer, wenn Rondra mit Artgenossen spielen kann). Nachdem mir die Frau zurief, daß ihre nichts machen würden, ließ ich Rondra laufen und kam näher.
Rondra orientierte sich sofort an der sehr großen Hündin. Sie hatte ja schon in der Welpenstunde ein Faible für die ganz Großen und hatte dort einen Neufundländer zum Lieblingskumpel auserkoren.
Vom Frauchen der beiden erfuhr ich, daß die Große eine zweijährige Mastiff-Hündin ist. Sie sah etwa so aus. Ich schätzte sie (die Hündin, nicht das Frauchen!) auf etwa 50 Kilo und meinte anerkennend: “Na, den Zentner hat die auch schon voll, oder?” Das Frauchen lachte trocken und erklärte mir, daß die Hündin 90 Kilo hat und damit noch zu den zierlicheren ihrer Art zähle.
Woah — mehr als dreimal Rondra auf vier Beinen!
Nie im Leben würde ich so einen Hund haben wollen. Dazu war mir das Gesabber zu viel und der Gang zu unelegant (Wer Rondras Grobmotorik schon live bewundern konnte, wird jetzt lachen. Aber die Mastiffdame schwankte auf der Hinterpfote wirklich sehr.). Dennoch fand ich diese Hündin faszinierend, weil sie absolut lieb spielte und sehr verträglich war. Und allein schon der Gedanke: 90 Kilo für nur einen Hund…
(Nur als Nebeninfo und weil ich auch fast dem Trugschluß erlegen wäre: Trotz der Sabberei ist der Mastiff nicht der Hund aus dem Film “Scott & Huutsch“. Das war nämlich eine Bordeauxdogge.)
Der andere Hund war ein älterer Bordercollie und hatte einen absolut liebenswerten Tick: Er holte einen Stock und warf ihn mir, während ich mich mit seinem Frauchen unterhielt, erwartungsvoll vor die Füße. Im gleichen Bewegungsablauf warf er sich selbst ins Platz und strahlte mich an.
Zwar warf ich ihm ein paar Mal den Stock, doch nicht immer habe ich mitbekommen, daß er ihn wieder gebracht hatte. Das lag nicht an ihm, denn so wie er den Stock auf den Boden donnerte, war das durchaus zu spüren, ohne daß man hingucken mußte. Wenn sich allerdings in direkter Nähe fast zweieinhalb Zentner Hund galoppierend vergnügen, hat so ein Schmetterstöckchen keine Chance!
Mit dem Frauchen der beiden führte ich ein sehr interessantes Gespräch, in dem ich viel über Mastiffs und sogenannte Listenhunde erfahren habe. Obwohl sie selbst Besitzerin eines Hundes ist, der in manchen Bundesländern auf der Liste steht, ist die der Meinung, daß der verpflichtende Wesenstest für solche Hunde gut und wichtig ist. Sie störte sich lediglich daran, daß mit dem Wesenstest teilweise sehr viel Geld gemacht würde, weil das Ablegen des Tests regional unterschiedlich viel kosten würde, obwohl der Aufwand ja überall gleich sei.
Ich war sehr erstaunt, denn bisher kannte ich unter den Haltern von “gefährlichen” Hunden nur die These, daß das arme Tier willkürlich auf irgendwelchen Listen stünde, weil manche Menschen es eben zur Stärkung des eigenen Images hielten und dementsprechend ausbildeten. Pittbulls seien hier als Paradebeispiel genannt. Das arme Tier als einzelnes, das doch so lieb und zutraulich sei, würde in dieser Einstufung komplett diskriminiert, indem der Halter höhere Steuern zahlen, das Tier zum Wesenstest müsse und die Umwelt kritisch auf das Tier blickt.
Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich zu der ganzen Debatte stehe. Ich bin ja auch nicht gezwungen, Position zu beziehen — schließlich führe ich keinen Listenhund. Grundsätzlich stehe ich jeder Rasse erst einmal neutral gegenüber und urteile nur nach “gefällt mir” oder “gefällt mir nicht”.
Andererseits denke ich, daß es nicht ungefährlich sein kann, den Hund einer Rasse zu führen, die über Generationen hinweg auf Aggression gezüchtet wurde. Auch der liebe Mastiff wurde für Hundekämpfe eingesetzt und dahingehend in der Zucht optimiert. Da kann der einzelne Vertreter einer Rasse noch so lieb und verträglich sein.
Sehe ich mir allerdings die Beißstatistiken an, die der Deutsche Schäferhund anführt, komme ich ins Grübeln. Wo zieht man die Grenze, wenn man den Wesenstest vorschreibt? Nach der Rasse kann man kaum gehen: Jetzt, wo Pittbull und Co. fast überall auf Listen stehen und daher mit erheblichem Mehraufwand und Kosten für die Halter verbunden sind, zeichnet sich laut Aussagen in manchen Foren ja schon ein neuer Trend ab: Ridgebacks werden gern als “Schwanzverlängerung” verwendet und auch dementsprechend abgerichtet.
Das Mastiff-Frauchen vertrat die These, daß jeder Hund ab einem bestimmten Gewicht den Wesenstest ablegen müßte, unabhängig von der Rasse. Denn ab einem bestimmten Gewicht kann der Hund einfach großen Schaden anrichten. Und dies gilt es zu verhindern.
Den Ansatz finde ich bedenkenswert. Allerdings sehe ich auf meinen Gassigängen gerade die kleinen Hunde als nervtötend an: Da wird aufgemischt, gekläfft und gezwickt, daß es eine wahre Wonne ist. Vermutlich, weil das kleine Fellknäuel immer noch bequem an der Flexi zurückgehalten werden kann und deshalb nicht erzogen werden muß. Aber wehe, wenn sie losgelassen…
Ach, ich weiß nicht, was man da sinnvolles machen könnte. Weiter nach Rasse separieren? Oder nach Gewicht? Hundeführerschein für alle Halter, vom Chiwuawua bis zum Irish Wolfshound? Die richtig krassen Fälle, wo Hunde verwahrlosen oder scharf gemacht werden, entgehen den Behörden so oder so.
Ich stehe wirklich allen Rassen freundlich gegenüber und bin der Überzeugung, daß in jedem Hund was Gutes steckt (selbst in unseren nervigen Nachbardackeln *grins*). Ich möchte nur, daß jeder Hund dort, wo er ist, glücklich sein kann, ohne jemanden zu gefährden. Doch wie man das erreichen kann, das weiß ich wirklich nicht.