Nachwehen der Läufigkeit II
Die nächste Rüdenbegegnung, von der ich berichten möchte, ist genau eine Woche her. Am letzten Freitag traute ich mich zum ersten Mal nach dem Sturm wieder zum Bismarckturm. Vorher gab es ja noch ganz klare Anweisung, die Wälder zu meiden.
Es hatte sogar geschneit, und so freute ich mich auf eine Stunde auf der Wiese und eine wild durch den Schnee tobende Rondra.
Wir waren gerade am Turm angekommen, und ich hatte erst ein paar Mal den Ball geworfen. Alles, was ich sonst noch so geplant hatte für diesen Nachmittag (etwas Sitz-Bleib, kleine Fährte, etwas Leinenführigkeit üben), konnte ich getrost knicken, als dann Merlin kam.
Ich hob gerade den Ball auf (ja, Apport in die Hand des Hundeführers klappt noch lange nicht!), als ich einen schwarzen Schatten bemerkte, der aus dem Wald kam. Ich leinte Rondra an, denn sie muß ja nicht auf fremde Hunde zupreschen. Und vor allem nicht auf deren Halter, denn über die Sache mit dem Hochspringen an Menschen diskutieren wir manchmal noch.
Direkt hinter dem anderen Hund, der sich uns langsam näherte, vermutete ich das zugehörige Herrchen oder Frauchen. Doch nichts geschah — Der kniehohe Mischling, in dem ich vielleicht einen Schäferhund und etwas Spitz-ähnliches sah, kam näher. Und keine Spur von einem Menschen.
Ich leinte Rondra wieder ab, denn Begegnungen von Hunden ohne Leine mit Hunden an der Leine sind immer Mist. Der Hund schien recht verträglich: Rondra und er beschnupperten sich und spielten dann für eine Weile ganz friedlich.
Während ich mir noch überlegte, was ich machen sollte, wenn kein Besitzer des Hundes kommen würde (Nachlaufen würde der uns, ganz klar — aber dann? Zweite Leine hatte ich nicht mit, um ihn festmachen zu können, und zwei Hunde in meinem Auto wären ein interessantes Experiment, das ich aber nicht unbedingt haben müßte)… Also, während ich noch mit zwei spielenden Hunden grübelnd auf der Wiese stand, kam gemäßigten Schrittes auch schon das Frauchen zum Hund aus dem Wald.
Zu diesem Zeitpunkt fand ich das Verhalten der Halterin nur verwunderlich: Rondra hat immer in Sichtweite zu bleiben. Verläßt sie diese, sei es aus Unaufmerksamkeit oder weil ein Kackehaufen im Wald so lecker riecht, dann muß sie wieder näher kommen. Tut sie das nicht, gibt es Ärger, und das weiß sie auch.
Daß Rondra einfach so ohne mich auf eine offene Fläche prescht, die für mich noch nicht einsehbar ist, und dafür noch nicht mal nen Anschiß kassiert — das ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Doch als Frauchen dann da war, schien der Hund (von dem ich inzwischen wußte, daß er Merlin hieß), die nötige Rückendeckung zu haben, um das Faß richtig aufzumachen: Er hing Rondra nur noch am Hintern und bestieg sie, kaum, daß sie sich in Bewegung gesetzt hatte.
Leider hatte ich nicht viele Möglichkeiten, der Situation halbwegs ordentlich zu entgehen, ohne die Halterin vor den Kopf zu stoßen: Die Dunkelheit nahte, und es gibt nur einen großen Weg, der von der Wiese weg zum Parkplatz führt. Sonst kann man gut auch noch kleinere Nebenwege gehen, doch die wollte ich angesichts der noch lange nicht beseitigten Sturmschäden nicht gehen (einige sehr lädierte Bäume abseits der Wege hingen noch bedenklich schräg).
Daher ging ich mit der Dame und dem furchtbaren Rüden den Weg nach unten gemeinsam.
Das war die blödeste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe: Rondra konnte keine drei Schritte gehen, ohne, daß ihr Merlin wieder aufs Kreuz sprang. Sie war sichtlich angenervt und zeigte fleißig Zähne nach hinten.
Merlins Frauchen hatte die Situation auch nicht im Griff: Statt den Kerl mal ordentlich zu rüffeln für sein unverschämtes Verhalten (boah, wenn Rondra ein Rüde wäre, hätte sie den Einlauf ihres Lebens bekommen!), flötete sie vor sich hin: “Och, Merlin, nu lass sie doch… Merlin, is doch gut jetzt, so hör doch mal auf…”.
Bezweckt hat sie damit nichts, außer dem Hund noch eine sanfte akustische Hintergrundverzierung für sein erotisches Stelldichein zu liefern.
Grundsätzlich freue ich mich immer über Hundebegegnungen: Wir haben keine feste Gassigemeinschaft, und es können schon mal vier bis fünf Tage ins Land gehen, wo Rondra nicht auf andere Hunde trifft, mit denen sie frei spielen kann. Diese Schnüffeleien an der Leine umgehe ich meist bewußt, das gibt nur Stress und macht weder Hund noch Halter Spaß.
Eigentlich bin ich auch jemand von der Fraktion, die sagt “Laß das erst mal die Hunde unter sich ausmachen.” Vieles regeln Hunde besser untereinander, da bringt der Mensch mehr durcheinander, als daß er hilft. Schließlich hat er die Position des Rudelführers inne, und wenn der eingreift, hat eine Situation eine andere Bedeutung.
Und was habe ich gemacht? Zwar war ich mit jedem Schritt mehr genervt vom zwecklosen Geseiere der Dame, und ich versuchte es daraufhin mehr auf die indirekte Schiene: Ich sprach laut mit Rondra, um der Dame klarzumachen, daß ihr Rüde nun genug Begattungsversuche gemacht habe (”Na, Rondra, das ist doof hier, da kann man gar nicht vernünftig laufen und schnuffeln, weil man immer geärgert wird…”).
Bezweckt habe ich damit aber genau so viel wie Merlins Frauchen mit dem freundlichen Zutexten ihres Hundes.
Über diesen Vorfall ärgere ich mich jetzt noch: Der Spaziergang war versaut, weil ich aus Gründen der Höflichkeit die Bedürfnisse von Rondra hintenan gestellt habe.
Viel besser wäre es gewesen, der Dame eine klare Ansage zukommen zu lassen, daß meine Hündin jetzt oft genug besprungen worden wäre und nun gerne ihren Spaziergang ungestört fortsetzen möchte.
Wenn das nicht möglich ist (zum Beispiel, weil die Dame ihren Buben nicht im Griff hat), dann muß man eben getrennte Wege gehen. Oder, wenn das (wegen Sturmschäden und einbrechender Dunkelheit) nicht möglich ist, dann muß der ungehorsamere Hund von beiden halt an die Leine.
Ich habe mich nach diesem Vorfall mit einigen Hundebesitzern unterhalten und ihnen die Situation geschildert. Der Großteil meinte, es wäre in Ordnung, den fremden Hund (so er denn nicht aggressiv ist) selbst zurechtzuweisen, wenn der Besitzer offensichtlich nicht dazu in der Lage ist. Davor habe ich noch Manschetten (weniger wegen des Hundes und seines vielleicht effektiven Gebisses, sondern mehr wegen der Besitzer und der allgemein üblichen Höflichkeit).
Ich muß gestehen: In dieser Situation habe ich als Rudelführerin versagt. Und ich gelobe hiermit feierlich, in Zukunft keine grenzenlose Höflichkeit gegenüber den Besitzern mehr walten zu lassen, wenn sich jemand meinem Hund gegenüber so ungebührlich verhält.
Rondra habe ich an diesem Abend versprochen, daß wir am nächsten Tag einen wunderbaren Spaziergang machen und alles nachholen werden. Das hat dann auch prima geklappt, weil Rondra im Moment einfach wunderbar ist.
Doch dazu mehr im nächsten Beitrag.
Als ich den Hund sah, fiel es mir wieder ein: Das war Merlin, der Rondra kurz nach ihrer Läufigkeit so penetrant belästigt hatte. …