Wer nicht hören will… oder: Mein erstes Piercing
Heute ist das passiert, mit dem ich schon die ganze Zeit rechnete: Rondra hat sich eine eingefangen.
Madame kennt ja, wenn es um andere Hunde geht, nur ein Thema und ein Tempo: Spielen, und das bitteschön Vollgas.
Nicht alle Hunde kommen mit dieser Art zurecht. Um genau zu sein: Eigentlich die wenigsten. Sicher wollen die meisten auch irgendwann spielen. Aber erstmal möchte man sich doch kennenlernen.
Daher laufen Hundebegegnungen bei Rondra meist so ab: Gaaaanz viel Aufregung, Hibbelei und in die Leine springen (Hey, das wird besser — Neulich konnte ich sie zumindest zeitweise von anderen Hund ablenken, und sie war mit der Konzentration sofort wieder bei mir, nachdem der andere Hund vorbei war.).
Jetzt stelle man sich einen ruhigeren, überlegteren, vielleicht auch etwas vorsichtigeren (aber grundsätzlich interessierten) Hund vor, der diesem Gehampel begegnet.
Der geht erst mal einen Schritt zurück, behält das Geschehen aber im Blick.
Das ist Rondras Signal: “Woah, der guckt… Der guckt! Frauchen, der will spielen!!! Das Zeichen ist doch klar! Ich muß da hin!!!”
Sie gesteht Frauchen dann noch ein Anstands-”Sitz!” zu, weil sie weiß, daß sie ansonsten keinesfalls zum anderen Hund darf (Hihi, und was für ein “Sitz!” das ist: Als hätte sie Hummeln im Hintern und könne nur unter größten Schwierigkeiten mit dem Pöter den Boden berühren!).
Aber kaum ist mal so eine Gelegenheit, wo sie tatsächlich zum anderen Hund hin darf und das Objekt ihrer Begierde in Reichweite, hibbelt sie wie bekloppt und weiß gar nicht, ob sie erst schnuffeln oder spielauffordern oder sich nur freuen soll.
Sicherheitshalber macht sie einfach alles gleichzeitig.
Mit so viel Wuselei und Energie in schwarz sind andere Hunde oft überfordert und knurren schon mal. Auch, wenn der andere Halter mit seinem ach so bösen Hund schimpft, nehme ich Rondra dann weg.
Für sie der Lerneffekt: Vollgas ist hier fehl am Platz, wenn der Spaß weitergehen soll. Und der andere Hund soll seine Ruhe haben, wenn er das so gezeigt hat, denn er hat ein Recht darauf (Auch, wenn die Halter das manchmal anders sehen — der Hund darf zeigen, wenn es ihm zu viel ist!).
Heute waren wir zu Besuch bei einer Sheltie- und einer Jack-Russell-Dame. Schwierig, wenn so eine Wuseltrine wie Rondra in das Revier zweier Damen kommt, die dieses auch gern verteidigen, wenn es zu wild wird.
Wir arrangierten das Ganze also als Lernszenario für beide Seiten: Andere Hunde dürfen im eigenen Revier sein, wenn Frauchen und Herrchen das möchten.
Und für Madame Hibbelhintern bedeutet das: Auch, wenn du hier sein darfst — Die sind hier Chef.
Eine Weile ging das prima, vor allem mit der Sheltiedame: Die brummte zwar, wenn Rondra ihr zu nahe kam, doch Rondra hatte das nach einer Weile auch verstanden und hielt meist etwas Abstand zu ihr. Bonuspunkt beim Sheltie: Die Frau mit dem seltsamen schwarzen Monster hat Leckerlies und kann gut kraulen.
Der Jackiedame war das alles ein bißchen viel: Sie verzog sich in die hinterste Ecke des Balkons und ward fortan nicht mehr gesehen. Als wir zum Rauchen nach draußen gingen, betüddelten wir Rondra und den Sheltie, die sich dank Leckerlies, Tricks und Blödeleien sogar zweitweise in einem Meter Abstand ganz entspannt verhielten.
Das ging so lange gut, bis Rondra wieder einfiel, daß da ja auch noch ein zweiter Hund war.
Madame 100000-Volt zog also ihre altbekannte Spielaufforderungsnummer durch und erntete eine sehr klare Ansage, die selbst ich als Nicht-Canidae-Muttersprachlerin verstand: Der Jacky zog die Nase bis ungefähr zu den Augenbrauen und entblößte die Zähne (O-Ton der Halterin: “Ich wußte gar nicht, daß ihr Zahnfleisch so weit hoch geht!”).
Rondra verstand wohl: “Gut, du willst nicht spielen — jetzt nicht. Aber vielleicht jetzt?” Kann ja sein, daß das eine Sekunde später wieder ganz anders aussieht. Da muß der kleine schwarze Hund ja bereit sein und zeigen, daß sie ihre Meinung noch nicht geändert hat!
Und weiter ging die Party: Hintern nach oben, ran an den Speck, wuseln, hibbeln, stippsen… Vollgas eben.
Die Jackydame stand inzwischen mit dem Hintern zum Geländer, vor ihr ein wackelnder schwarzer Berg, der viermal so schwer war wie sie und offensichtlich nichts verstand.
Und sie tat das einzig Richtige: Flucht nach vorn, mit den Zähnen voraus.
Wer sich jetzt fragt, warum wir nicht eingegriffen haben: Zwischen Rondras “Ui, da ist ja der andere Hund, los geht’s!” und dem Knurren des Jackys vergingen keine 10 Sekunden. Als bei mir die Alarmglocken schrillten, sah ich bereits ein schwarz-weißes Knäuel, welches so schnell auseinanderstob, wie es entstanden war.
Begleitet allerdings von einem lauten Quieken.
Frank berichtete später, daß Rondra mit eingekniffenem Schwanz in die Küche gerannt kam und sich die Lefzen leckte.
Was genau passiert war, sahen wir erst, als Rondra ein helles Kauseil, was sie durch die Gegend geschleppt hat, ablegte und daran Blut war:
Es ist nur ein kleiner Kratzer. Zu Hause stellte ich fest, daß wir leider doch keinen Ring durchziehen können — die Lefze ist nicht gelocht, sondern nur außen abgekratzt.
Daß Rondras Verhalten anderen Hunden gegenüber inakzeptabel ist, war mir klar. Doch wie hätte ich es ihr beibringen können? Sie gar nicht mehr zu anderen Hunden lassen? Sie zurückhalten, wenn sie überdreht? Da können doch nur Fehlverknüpfungen entstehen.
Zum Beispiel: “Frauchen mag nicht, wenn ich zu anderen Hunden gehe. Nehme ich mal so hin, weil Frauchen ist der Chef. Aber wenn sie es nicht sieht, dann…”.
Oder: “Frauchen schimpft, wenn ich zu anderen Hunden will. Also sind andere Hunde böse. Vor bösen Wesen verteidige ich mein Frauchen.”
Ich bin eigentlich ganz froh, daß das passiert ist und daß es nur mit so geringen Folgen passiert ist: Die Jackydame hat sich absolut korrekt verhalten, hat mehrmals vorgewarnt und erst geschnappt, als ihre Warnungen nicht respektiert wurden und sie sich nicht mehr anders zu helfen wußte. Mit einem anderen Hund hätte das ganz anders ausgehen können.
Rondra hat an ihrer Lektion gerade noch ziemlich zu knabbern: Sie ist sehr gedeckelt und ruhig (selbst wenn man berücksichtigt, daß sie durch die Begegnung mit den beiden Hündinnen einen recht aufregenden Tag hatte). Sie hat abends beim Grillen auch die anderen Mitbewohner nicht in der Ausführlichkeit und Stürmischheit begrüßt, die sie sonst an den Tag legt.
Letzteres könnte allerdings daran liegen, daß Rondra beim Grillen mit der ersten Etappe des dicken Geburtstagsknochens beschäftigt war.
(Nein, der Hund frißt normal nicht vom Teller. Aber der Napf ist aus Edelstahl und reflektiert ganz fies beim Photographieren. Und nein, der Hund frißt nicht mit Messer und Gabel. Die liegt nur als Größenvergleich daneben (und ist keine Kuchengabel). Und nein, das Grüne ist auch kein Schimmel, sondern Rasen, der beim Benagen klebengeblieben ist. Gratisvitamine eben!)
Den Knochen gab es aber nicht als Belohnung für die durchlittenen Qualen. Sondern weil er eh aufgetaut war.
Und weil es schön archaisch ist, wenn das ganze Rudel nach des Tages Mühen und Lasten friedlich ums Feuer sitzt und Tierkadaver benagt.
Ich glaube, diese Begegnung war für Rondra ein ähnliches Schlüsselerlebnis wie die gelochte Lefze oder als sie als Welpe im Wald (in Absprache mit mir) einer anderen Hundeführerin folgte und mich (scheinbar) verloren hat. …