Wesenstest — der Bericht [Teil 1]
Viertel nach sieben Uhr morgens ist selbst für Hundehalter am Wochenende eine ziemlich unchristliche Zeit. Doch ab acht Uhr sollte der Wesenstest in Schloß Holte-Stukenbrock starten, also nix wie los!
Der Test begann ganz ohne Hunde, dafür aber mit Papier: Ahnentafeln, Impfpässe und Versicherungsnachweise der acht startenden Hunde wurden kontrolliert und die Startreihenfolge bekanntgegeben.
Rondra sollte als vorletzter Hund drankommen. Gut, so konnte ich mir den Testablauf bei den anderen ein paar Mal angucken. Aber auch schlecht, denn so hatte ich sechs Hunde lang Zeit, mich verrückt zu machen…
Der Test selbst fand auf dem großen Grundstück des Sonderleiters statt: Dort war ganz viel Platz für die einzelnen Stationen, und in der Hütte gab es für die Hundehalter Brötchen, Kuchen, warme Getränke und einen Kamin zum Aufwärmen.
Der Wesenstest ist meist die erste offizielle Prüfung für Hund und Halter. Und da auch einige Ersthundebesitzer starteten, war es für diese auch das erste Mal überhaupt, daß sie an so einer Veranstaltung teilnahmen. Daher erläuterte die Prüferin ganz detailliert, wie der Test ablaufen würde und was wir dabei beachten sollten. Auch der Test beim ersten Hund dauerte länger als bei allen folgenden Hunden, da wir vieles erklärt bekamen.
Wer jetzt denkt, daß bei den gerade nicht-startenden Hundehaltern Langeweile aufkommen würde, der irrt: Bei ganz vielen Stationen des Tests wurden Helfer benötigt, und so waren wir oft an den einzelnen Testabschnitten beteiligt. Nur bei den Hunden, die wir kannten (bei mir zum Beispiel Una, Clea und Conrad, mit denen ich trainiere), sollten wir nicht mitmachen.
Rondra bekam am Vormittag mit Clea noch eine Freilaufrunde im benachbarten Feld spendiert und wartete ansonsten ganz brav im Auto, bis sie am frühen Nachmittag starten durfte.
Frank und ich hatten uns dazu entschlossen, den Test gemeinsam zu machen. Zwar bin ich die Hauptbezugsperson für Rondra, aber Rondra hat mehr Spaß, wenn sie etwas mit uns beiden macht. Und mir gab Franks Anwesenheit mehr Sicherheit.
Am Anfang wurde Rondras Chip überprüft. Zum Glück hatte das Gerät den Chip sofort gefunden — Rondra war viel zu aufgeregt, um stillhalten zu können! Auch die Zahnkontrolle und die Befragung durch die Prüferin überstand sie nur um Haaresbreite, ohne vor Neugierde zu platzen.
Beim anschließenden Spaziergang mit uns ohne Leine konnte sie sich ihre Freude ein wenig aus den Knochen laufen. Folgerichtig steht auch im Prüfprotokoll: “Hund rennt ständig”!
Hier und auch beim Spaziergang durch die Menschenmenge zeigte sich auch, daß Rondra zwar sehr an Umweltreizen interessiert ist und sich auch weit von uns entfernt, aber dennoch eine gute Bindung zu uns hat.
Nach einer kleinen Spieleinlage mit uns ging es ans Eingemachte: Die Rückenlage!
Ich bin nicht begeistert davon, daß so etwas Teil des Wesenstests ist. Und das nicht nur deshalb, weil Rondra damit Schwierigkeiten hat. Die Rückenlage wird auch nicht bei allen Retrievern abgeprüft, sondern nur beim Golden Retriever und beim Labrador, weil von ihnen eine besonders große Sicherheit im Umgang mit Menschen erwartet wird.
Dennoch: Sich in die unnatürliche Rückenlage bringen zu lassen, und das auch noch von fremden Personen, das ist schon ein Brocken.
Fast alle bisher geprüften Hunde hatten auch Probleme damit. Vor allem dann, wenn sie nicht von den Haltern, sondern von der Prüferin in die Rückenlage gebracht werden sollten. Meist ging man hier mit ganz viel Behutsamkeit und Ruhe zu Werke, um ans Ziel zu gelangen — keine Spur von meinen Ringereinlagen!
Im Nachhinein ärgere ich mich, daß ich mich davon habe verunsichern lassen und es im Test bei Rondra ebenso sanft versucht habe. Natürlich erfolglos: Sie entzog sich schon, als es nur um das Platz!-Kommando ging.
Als ich danach meine Methode anwandte, war ich zwar erfolgreich, hatte aber durch die vorangegangenen Befehle so viel Druck und Verunsicherung auf Rondra ausgeübt, daß es die Richterin bei der Rückenlage noch schwerer hatte. Ich glaube auch, Rondra wäre später bei der Kreisprobe gelassener gewesen, wenn ich es bei der Rückenlage kurz und schmerzlos gehalten hätte, anstatt so viel herumzuprobieren.
Aber es ging ja gerade nochmal gut. Bei der anschließenden Spielsequenz mit Fremdpersonen zeigte sie aber schon, daß sie die Rückenlage etwas mitgenommen hat, denn richtig unbefangen ging sie nur auf die Spielaufforderungen der weiblichen Fremdperson ein — Ein gestandener Kerl war ihr zu eindrucksvoll, da kann der noch so viel locken und schmeicheln!
Dann ging es weiter zur schon erwähnten Kreisprobe. Hier steht der Hund mit seinen Führern in der Mitte eines weiten Menschenkreises, der mehrmals öffnet und schließt. Erst langsam, die nächsten Male dann schneller. Zuerst bleiben die Führer mit dem Hund im Kreis, dann entfernen sie sich aus dem Kreis und lassen den Hund im Kreis zurück. Die Führer rufen den Hund, doch der Hund soll nicht aus dem Kreis flüchten können. Erst nach einer Weile wird er aus dem Kreis zu seinen Leuten gelassen.
Rondra fand die erste Annäherung der Menschen gut und war ganz entspannt. Als sie aber allein im Kreis war, zeigte sie Anzeichen von Anspannung und Unsicherheit. Die Prüferin wollte diesen Teil noch einmal wiederholen, weil sie glaubte, Rondra habe sich vor irgendetwas erschrocken, als wir den Kreis verließen. Tatsächlich meinte Frank, er habe Rondra beim Hinausgehen versehentlich auf die Pfote getreten.
Na also — den Hund erst treten und dann abhauen, das geht nun wirklich nicht! Also nochmal alles auf Anfang. Das klappte dann auch prima: Rondra blieb cool und fügte sich beim Abrufen auch gleich in ihr Schicksal, als sie nicht aus dem Kreis herauskam. Sie saß schließlich relativ gelassen in der Mitte.
Umso schneller wurde sie, als sie das Loch im Kreis entdeckte und zu uns flitzen durfte:
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